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Tagung "Schmerz und Leid als normative Konzepte in der Medizin"

Ethische, philosophisch-anthropologische, theologische und soziokulturelle Aspekte


Interdisziplinäre Klausurwoche für Nachwuchswissenschaftler/innen
16.-21.03.2014 in Freiburg i. Brsg.
 

Veranstalter
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
In Kooperation mit der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg
Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung 


Thema der Klausurwoche
Schmerz und Leid sind negative Erfahrungen, die von sich aus den unmittelbaren Impuls generieren, etwas gegen ihr Fortbestehen zu unternehmen und sie zu beseitigen. Schmerz und Leid zu lindern zählt nicht nur zu den klassischen Zielen der Medizin, sondern ist auch ein Ziel von besonderem normativem Gewicht.

So scheinen medizinische Maßnahmen zur Schmerz- und Leidenslinderung nicht weiter legitimierungsbedürftig oder gar kritisierbar zu sein. Die handlungsauffordernde Kraft von Schmerz- und Leidenszuständen in der Medizin zeigt sich besonders deutlich in klinischen Extremfällen. So wird die Therapie „unerträglicher“ Schmerzen und Leiden oft als Legitimation für Behandlungsentscheidungen gewertet, die beträchtliche Nebenwirkungen wie die der Lebensverkürzung haben können. Auch in Debatten um den Einsatz von vorgeburtlich-präventiven Diagnoseverfahren wie Pränataldiagnostik, Präimplantationsdiagnostik und Bluttests ist der Rekurs auf das Argument der Leidenslinderung selbstverständlich, wobei in diesem Kontext meistens von „unnötigem“ Leiden die Rede ist. Sowohl die Vorstellung von unerträglichem wie unnötigem Leid und Schmerz kann sich dabei auf ein sehr heterogenes Spektrum an Empfindungen und Zuständen beziehen, das von chronischen und oft psychosomatischen Schmerzen bis hin zu existentiellen Leiderlebnissen wie Verzweiflung, Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Angst reicht.

Die handlungsauffordernde Kraft des Schmerz- und Leidensbegriffs zum einen und die inhaltliche Heterogenität der damit bezeichneten Zustände zum anderen können in der klinisch-therapeutischen Praxis zu Schwierigkeiten führen, wenn die spezifischen Merkmale der unterschiedlichen Empfindungen und Erfahrungen nur unzureichend reflektiert und differenziert werden. So gilt etwa ein Zustand „unerträglichen Leidens“ als ausreichende Indikationsvoraussetzung für eine tiefe und kontinuierliche palliative Sedierung, wobei darunter Befunde wie Dyspnoe, Angst oder ein Gefühl von Sinnlosigkeit fallen. Dies wirft die Frage auf, wie der Begriff der Unerträglichkeit des Leidens adäquat verwendet werden kann und wie man zu einer angemessenen Therapieform dieses Leidens gelangen kann. Um zu einer reflektierten Behandlungsentscheidung zu gelangen, ist die Medizin daher sowohl auf eine Systematisierung und Differenzierung dieser Zustände und Erfahrungen als auch auf eine evaluative Einschätzung der jeweiligen Schmerz- und Leidphänomene angewiesen.

Im Rahmen der Klausurwoche sollen - vorbehaltlich der Finanzierung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) - Konzepte und Kriterien für eine Systematisierung, Differenzierung und Evaluation von Kategorien des Schmerzes und Konzepten des Leidens erarbeitet werden. Dafür ist es unerlässlich, anthropologische Vorannahmen und kulturelle Deutungsmuster von Schmerz und Leid sowohl auf der individuell-psychologischen Ebene als auch auf der soziokulturellen Ebene zu beleuchten. Folgende Aspekte und Fragestellungen sollen diskutiert werden:

Anthropologie von Schmerz und Leid

  • Verhältnis von Schmerz- und Leiderfahrungen zur Kontingenz und Vulnerabilität des Menschen
  • Verhältnis von Schmerz und Leid zur Leiblichkeit und Zeitlichkeit der menschlichen Existenz
  • Wie lassen sich Schmerz und Leid in Konzepte des guten Lebens integrieren? Welche Bedeutung kommt diesen Erfahrungen für das Selbstverständnis des Menschen zu?
  • Schmerz und Leiden sind anthropologische Konstanten und zugleich negative Erfahrungen, die man als nicht-sein-sollend beurteilt. Wie verhält sich der Wunsch nach Schmerz- und Leidfreiheit zur Unverfügbarkeit der conditio humana? Welche Reichweite kann bzw. sollte die Zielsetzung der Schmerz- und Leidfreiheit haben?
     

Schmerz und Leid in der Arzt-Patient-Beziehung

  • Schmerz und Leid haben appellativen Charakter, was sich nicht zuletzt an Gefühlen wie Mitleid und (gerade bei Ärzten und Pflegenden) dem Impuls zur Hilfeleistung zeigt. Welche normative Bedeutung kann dieser emotionalen Ebene innerhalb der Arzt-Patient- bzw. Pflege-Patient-Beziehung zukommen?
  • Was bedeutet der Zustand der besonderen Angewiesenheit im Schmerzzuständen für die Arzt-Patient-Beziehung?
  • Wie kann in der ganzheitlichen Behandlung von Schmerzpatienten eine Verbindung von psychotherapeutischer Expertise und philosophisch-anthropologischer Reflexion gelingend realisiert werden?
     

Deutungen von und Umgangsformen mit Schmerz und Leid

  • Deutungsmuster von Schmerz: Schmerz als Fremdkörper; Schmerz als existentielle Bedrohung; Schmerz als Zurückgeworfensein auf sich selbst; Schmerz als Notwendigkeit
  • Vorstellungen von Leiden: Leiden als Inbegriff von Negativität; Leiden als Zerstörung des Selbst; Leiden als notwendiges Durchgangsstadium zum Erlangen eines höheren Guts; Leiden als Mittel zu künstlerischer Kreativität und kulturellem Fortschritt; Leiden als spirituelle Erfahrung; Leiden als Grundlage für Solidarität und Fürsorge
  • Kulturelle Prägungen und Differenzen der Wahrnehmung, Artikulation und des Umgangs mit Leid- und Schmerzerfahrungen
  • Soziale Einflussfaktoren auf Schmerz- und Leiderleben
  • Sprachliche und künstlerische Ausdrucksformen von Schmerz und Leid
  • Formen der Darstellung von Schmerz in Kunst, Literatur und Film

     

Zielgruppe
Nachwuchswissenschaftler (Post-Docs und fortgeschrittene Doktoranden) aus verschiedenen Disziplinen, v.a. Medizin, Ethik, Sozialwissenschaften, Philosophie, Theologie, Kultur- und Kunstwissenschaften sind eingeladen, bis zum 31.10.2013 ihre Bewerbung einzureichen (Abstract ca. 500 Wörter, Lebenslauf, Angaben zu Forschungsinteressen und evtl. Publikationsliste). Für die ausgewählten Teilnehmer werden die Kosten für Verpflegung und Unterkunft sowie die Reise-kosten übernommen. Die Beiträge werden anschließend in einem Sammelband veröffentlicht. Die Teilnehmer erhalten 300 Euro Aufwandsentschädigung, wenn ihre Manuskripte hierfür angenommen werden.

 

Hier finden Sie diese Ausschreibung (Call for papers) als pdf.


Richten Sie Ihre Bewerbungen sowie Nachfragen bitte an:

Dr. Claudia Bozzaro
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Stefan-Meier-Straße 26
D - 79104 Freiburg
Tel.: 0761/203-5040
bozzaro@egm.uni-freiburg.de


Veranstalter:
Prof. Dr. Giovanni Maio, M.A.
Dr. Claudia Bozzaro
Dr. Tobias Eichinger

 


Kontakt

Albert-Ludwigs-
Universtität Freiburg

Institut für Ethik und Geschichte der Medizin

Stefan-Meier-Str. 26
D-79104 Freiburg

Tel.: +49 (0)761/203-5033
Fax: +49 (0)761/203-5039
E-Mail: Sekretariat

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